Wie die Gesellschaft von Filtern beeinflusst wird und wie abhängig wir von Filtern sind –
das war die Thematik, mit der sich der analoge Salon für digitale Themen am 27. September beschäftigt hat. Unter der Moderation von Moritz Avenarius kamen zwölf Personen mit unterschiedlichem Hintergrund im Hamburg Business Club zusammen, um die individuellen Positionen auszutauschen, die gesellschaftlichen Konsequenzen zu diskutieren und mögliche Handlungsanweisungen zu entdecken.
Individuelle Motivation:
Die Teilnehmer um die Initiatoren Tina Kalow und Peter Kabel stellten in drei-Minuten-Statements ihre Standpunkte zu Internetfiltern dar. Die übereinstimmende Meinung, dass wir tagtäglich sowohl im Internet als auch im Alltag vielfältig mit Filtern konfrontiert sind, war einer der wenigen Punkte, über die Konsenz herrschte.
Ein Teilnehmer berichtete über das E-Mails einer Freundin bei E-Mail Providern im Spamordner landen, da der Nachname der Freunin in Kombination mit einem unpassenden Betreff ausgefiltert werden. Wichtige Informationen werden so wohlmöglich nicht zugestellt. Die technische Lösung, die auf logischen und semantischen Parametern basiert, setzt sich über unsere persönliche Filter, nämlich Bekannte und Freunde, hinweg und unterbindet die Zustellung von für uns relevanter Information.
Ein Großteil aller Internetsitzungen startet mit der Suchmaschine Google, die bei gleicher Suchanfrage unterschiedliche Ergebnisse ausliefert – abhängig vom jeweiligen Nutzer. Somit stellt sich die Frage, ob von einer Objektivität gesprochen werden kann, wenn Suchergebnisse aufgrund des Surfverhaltens angezeigt werden. Hierbei wurde mehrfach auf das folgende Video von Eli Pariser und dessen Buch The Filter Bubble verwiesen, in dem demonstriert wird, dass es kein objektives Suchergebnis von Google gibt.
Farid Müller, Abgeordneter der Hamburger Bürgschaft, führte an, dass auch die Demokratie auf Filtern basiere. Sein Bürgschaftsmandat hat er durch eine demokratische Wahl erhalten. Auch hier greift das Prinzip der Filterung: Der Wähler entscheidet sich an der Wahlurne für den Kandidaten, dessen Ansichten er am ehesten teilt. Insofern filtert er die Differenzen raus und konzentriert sich auf den Konsens. Filter beschränken demnach nicht nur Information, sondern tragen auch zur Anreicherung von Information bei.
Kixka Nebraska bestätigte dies anhand des Zuwachses ihrer Follower um über 80 Prozent, nachdem sie von Sascha Lobo bei Google+ im Circle: German Essential aufgenommen wurde. Die Erkenntnis, dass Filter auch als Verstärker eingesetzt werden können, zeigt sich auch angesichts der werblichen Aussagen mit denen wir tagtäglich konfrontiert sind. Ständige Wiederholung von Werbebotschaften gipfeln in personalisierter, dem Umfeld angepasster Werbung, und Retargeting.
Die Filter, denen wir tagtäglich ausgesetzt sind, sind somit ganz unterschiedlicher Art. Sie basieren auf technischen, politischen oder wirtschaftlichen Interessen der Akteure.
Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für eine Gesellschaft?
Kontrollverlust
Jeder der Filter nutzt, oder diesen ausgesetzt ist, gibt eine gewisse Kontrolle ab. Wir wissen nicht, weshalb uns Suchmaschinen bestimmte Ergebnisse anzeigen. Genauso wissen wir nicht, weshalb uns bei sozialen Netzwerken bestimmte Inhalte angezeigt, oder verborgen werden. Die Verbreitung der gefilterten Informationen lässt uns nicht kontrollieren, ob wir auch nur die unvollständige Information sehen möchten.
Steigerung der Effizienz
Durch die Nutzung von Suchmaschinen zur Beantwortung von Fragen, überträgt man die Durchsicht von mehreren Milliarden Internetseiten an eine Suchmaschine, in der Hoffnung, von ihr das passende Ergebnis angezeigt zu bekommen. Niemand könnte selbst alle Webseiten durchsuchen, daher helfen Filter der Gesellschaft, effizienter zu sein und weniger Zeit mit der Suche nach Information zu vergeuden.
Doch birgt diese Effizienz auch eine gewisse Gefahr für die Bildung von blinden Flecken und für Manipulation.
Mögliche Manipulation
Die Mitgliedschaft in sozialen Netzwerken und das Tracking unseres Surfverhaltens hilft Akteuren mit wirtschaftlichem Interesse, uns spezielle Angebote wiederholt vor Augen zu führen. So wussten Teilnehmer zu berichten, dass sie nach einer spät abendlichen Netzsession plötzlich Augentropfen als Anzeigen gereicht bekamen. Diese Anzeigen werden durch unserer Bewegungen im Netz ausgelöst und liefern das Futter für die Personalisierung von Angeboten. Die Nutzer selbst liefern die Relevanz für die ihnen angezeigten Werbemittel. Die ökonomische Logik baut lediglich auf diesem Zustand auf und bedient sich bestimmter Algorithmen.
Algorithmen als zusätzliches Sinnesorgan
“Algorithmen sind ein gesellschaftliches Sinnesorgan, das die Blicke schärfen kann.”, merkte Jens Best und führt an, das erst durch Filter eine gewisse Kontextualisierung entsteht. Somit entsteht eine Macht auf Seiten der Besitzer bzw. Nutzer dieser Algorithmen. Ähnlich der Coca-Cola Formel ist der Suchalgorithmus von Google nicht veröffentlicht und geistiges Eigentum, welches Internetnutzern vermietet wird. Über diesen Algorithmus definiert sich die Auffindbarkeit und Distribution von Inhalten im Netz.
Doch trotz des Einsatzes von Algorithmen kann der Gesellschaft nicht abgenommen werden, Entscheidungen zu fällen. Die Balance zwischen Information und Entscheidung kann weiterhin weder durch Filter noch durch andere technische Hilfsmittel ersetzt werden. Je fundierter eine Entscheidung durch das Vorliegen von viel Information untermauert werden kann, desto seltener werden Impulsentscheidungen gefällt. Impulsentscheidungen haben jedoch immer einen gewissen zeitlichen Vorsprung.
Eingedämmte Information
Viel Information erreicht uns aus sozialen Netzwerken, in denen wir uns mit Freunden und Bekannten vernetzt haben. Information, die über das Zwischenmenschliche hinausgeht, unterliegt einer Verflachung. Unser soziales Netzwerk entspricht meist nicht unserem sozialen Umfeld in der Realität – wir umgeben uns dort meist mit Personen, die aus einem ähnlichen sozialen Milieu stammen oder ähnliche Ansichten vertreten. Wenn diese Personen nun wiederum Information und Inhalte mit uns teilen, stammen diese aus einem uns ähnlichem Umfeld. Dadurch lauert die Gefahr, dass der soziale Graph in seinem eigenen Saft darbt und nur wenige Inhalte und Einflüsse von außen eindringen. Die geteilte Information mag für den Einzelnen von großer Relevanz sein, jedoch birgt diese einseitige Informationszufuhr die Gefahr, blinde Flecken zu entwickeln.
Wenn wir Filter schon nicht umgehen können, welche Erwartungen müssen wir an sie stellen und wie können wir sie am besten nutzen?
Der höchste Filter ist unsere Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Was filtert der Einzelne und was teilt er der Gesellschaft mit? In einer Zeit, in der das klassische Sender-Empfänger-Verhältnis längst obsolet ist, sind wir dafür verantwortlich, wie viel Information wir über uns oder andere veröffentlichen. Genauso muss man sich damit abfinden, nicht alle vorhandene Information einsehen zu müssen.
Serendipität
Algorithmen lassen keinen Spielraum für Zufälle. Zufälle begünstigen jedoch die persönliche Entwicklung oder auch die Entstehung großer Erfindungen. Der Einsatz hochtechnologischer Filter beraubt uns dieses Zufalls, der unlogischen Kombination von Existierendem. Wer weiß, ob die bisher genutzten Algorithmen überhaupt mein tatsächliches Interesse erfasst haben? Vielleicht habe ich mich bisher im Netz nur auf den falschen Seiten bewegt? Da mir nun aber ständig ähnliche Seiten gezeigt werden, verliere ich die Möglichkeit, zufällig auf Schmuckstücke zu stoßen.
Medienkompetenz
Eine weitere Handlungsmöglichkeit wäre die Erhöhung der Medienkompetenz der Gesellschaft. Mit der Anschaffung von Anlaufstellen und Instanzen könnte anschaulich erklärt werden, weshalb welche Information wo angezeigt wird. Auf diese Weise kann der Bürger davon abgehalten werden, wirtschaftlich oder politisch manipuliert zu werden.
Presse-Grosso
Ein weiterer Vorschlag ist, ein Pendant zum Presse-Grosso im Internet einzuführen. Der Presse-Grosso sichert in Deutschland die Pressefreiheit, Artikel 5 des Grundgesetzes: Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt. Niemand weiß die tatsächliche Funktionsweise des Suchalgorithmus von Google. Da Google die Rolle eines mächtigen Distributors von Information eingenommen hat, muss sichergestellt werden, dass alle Information, solange sie die allgemeinen Gesetze nicht verletzt, über Google verteilt wird.
” Zeige Alle” – Button
Eine konkrete Umsetzung um die Anzeige von Suchergebnissen entsprechend dem Surfverhalten zu erweitern, könnte die Einführung eines “Zeige Alle” – Buttons sein. Mit Hilfe dieses Schalters hätte der Nutzer die Möglichkeit, das tatsächliche, “objektive” Suchergebnis angezeigt zu bekommen, welches Unabhängig von seinen persönlichen Parametern ist.
Wie alle bisherigen i-15 Veranstaltungen war auch dieser Salon geprägt von offenen Diskussionen, einem fairen Umgang miteinander und ehrlicher Meinung. Gerne laden wir Leser dieses Artikels dazu ein, an einem der nächsten Termine teilzunehmen. Dazu entweder einen der bekannten oder genannten Teilnehmer ansprechen, oder diesen Blog verfolgen, auf dem alle weiteren Veranstaltungen angekündigt werden.


Letzte Kommentare